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Laudatio

auf Ulrich Grober

Verleihung des Brandenburgischen Literaturpreis Umwelt
am 6. Juli 2011

Laudator: Klaus Bosselmann

Bei wichtigen Entscheidungen im Leben überlegt man nicht lange. Man sollte also immer genau wissen, was wichtig ist und was nicht. Als ich gefragt wurde, diese Laudatio auf Ulrich Grober zu halten, habe ich sofort zugegriffen. Seine "Entdeckung der Nachhaltigkeit" war eine Offenbahrung für mich und schon vor dem Erscheinen des Buches wusste ich, dass ihm damit ein großer Wurf gelungen war.

In klarer journalistischer Sprache hat er den Nachweis erbracht, daß der so oft vernebelte Begriff der Nachhaltigkeit einen historisch gewachsenen Inhalt und Kern hat, der in völligem Gegensatz zur Gegenwartskultur des Immer-mehr, Immer- schneller und Immer-weiter-so steht. Noch bis in die Anfänge der Industrierevolution des 19.Jahrhunderts haben unsere Vorväter und -mütter gewusst, wie grundlegend die Erhaltung der Natur für gesellschaftlichen Fortschritt ist. Ohne Nachhaltigkeit kein Fortschritt. Das war der Fortschrittsglaube von damals. Grober’s Buch ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Nachhaltigkeit realitätskonformes, normales Denken reflektiert und dass Wachstumsfixierung starres, realitätsfremdes, illusionäres Denken spiegelt, man könnte auch sagen, Wahnsinn. Ein klares Buch mit einer klaren Botschaft.

Ich bin deshalb auch überhaupt nicht überrascht, dass Ulrich Grober heute der Brandenburgische Literaturpreis Umwelt für dieses Buch verliehen wird. Ein Preis wie dieser war schlicht und einfach irgendwann mal fällig, obwohl man hinzufügen sollte, dass die links-linke Regierung Brandenburgs offenbar empfänglicher ist für historische Wahrheiten als die sonst üblicherweise regierenden Parteien.

Ich möchte der Landesregierung und Frau Ministerin Tack großen Dank sagen dafür, die Preiswürdigkeit dieses Buches erkannt zu haben. Sie legen damit Zeugnis ab, dass Politiker nicht einfach immer nur dem Zeitgeist folgen, also Beliebiges verkünden oder gelegentlich etwas völlig Normales wie den Atomausstieg fälschlicherweise als eine mutige Tat verkaufen. In ihrer Sorge um das Populäre und Mediengerechte lassen sich Politiker allenfalls von Wirtschaftsfunktionären übertreffen, die noch mehr Angst vor grundlegender Veränderung haben und bisweilen offensichtlichen Blödsinn von sich geben.

Ein Beispiel ist der RWE-Chef Jürgen Großmann, der die letzte Woche beschlossene Energiewende als Angriff auf den Wirtschaftsstandort Deutschland gedeutet hat, ja sogar als Angriff auf die Demokratie und Vorbereitung der Ökodiktatur.

Wir leben in einer perversen Welt, wenn die Rückkehr zur Normalität, wie von Grober gefordert, als gefährlich und wirtschaftsbedrohend wahrgenommen wird.

Mitte der 80er Jahre hat der Psychoanalytiker Arno Grün diesen Orientierungsverlust auf den Punkt gebracht. In seinem Buch Der Wahnsinn der Normalität diagnostizierte er den Verlust von Realitätsempfinden als Zeichen gesellschaftlicher Selbst-zerstörung. Seine Grundthese: das ehedem Normale wird in der kapitalistischen Logik zum Außergewöhnlichen und Realitätsfremden. Was könnte also bitteschön normaler sein, als ökologische Realitäten anzuerkennen und mit ihnen leben zu wollen? Und was könnte realitätsfremder sein als der Versuch, zwischen ökologischer Wirklichkeit und Wachstumsmythos einen Ausgleich zu suchen, so als könne es zwischen Vernunft und Selbstbetrug einen Kompromiss geben?

Ist solch ein Kompromissversuch auch Wahnsinn, so hat er doch Methode. Das Konzept der “Nachhaltigen Entwicklung” wird seit dem Brundtland-Bericht von 1987 und der Rio-Konferenz von 1992 gerne dazu missbraucht, die Vereinbarkeit von Wachstum und Nachhaltigkeit zu behaupten. Wenn es denn überhaupt ernsthafte Versuche gibt, die Politik – die heute nicht mal mehr als Krisenmanagement noch einigermaßen funktioniert – auf Langfristiges, Dauerhaftes, Nachhaltiges auszurichten, dann immer nur mit dem Vorbehalt, Wachstum und Wohlfahrt auf keinen Fall zu gefährden. Die Angst, beim Wähler radikales Umdenken einzufordern, ist so groß, dass man besser gleich ganz aufs Nachdenken verzichtet.

Politik ist zugegebenermaßen die Kunst des Möglichen, aber doch dringend angewiesen auf Politkberatung, die man die Kunst des Erstrebenswerten nennen könnte. In diesem Sinne hat Ulrich Grober ein Buch über das Erstrebenswerte geschrieben. Aber eben nicht nur das. Er hat das Erstrebenswerte als das ganz Normale dargestellt. In seinem Insistieren darauf, dass die “Entdeckung der Nachhaltigkeit” keine Neu-, sondern nur eine Wiederentdeckung des Gewohnten, Bewährten ist, hält er unser kollektives Gedächtnis wach. Dies ist vielleicht die größte Leistung des Buches (auf dessen englische Übersetzung übrigens die nichtdeutsche Fachwelt mit Spannung wartet).

Der Schlüssel zum gesellschaftlichen Fortschritt ist immer auch die Rückschau auf das, was mal war. Wenn aus der Rückschau nichts Erhellendes leuchtet, tappen wir im Dunkeln. Einer der Pioniere der politischen Ökologie ist der kalifornische Rechtswissenschaftler Christopher Stone. In seinem klassischen Text “Should Trees Have Standing?” von 1974 (dt. “Umwelt vor Gericht”, 1987) beschreibt er, wie das zunächst Undenkbare zum ganz Selbstverständlichen wurde. In der westlichen Rechtsgeschichte war es bis in die Zeit der Moderne undenkbar, Sklaven als Menschen zu betrachten, Schwarze den Weißen gleichzustellen, Frauen und Männer als gleichberechtigt zu empfinden oder außereuropäische Völker überhaupt als Völker und Menschen wahrzunehmen. Die Moderne selbst hat dann das Undenkbare ins ganz Normale verwandelt. Umgekehrt hat die Moderne aber auch zum Undenkbaren gemacht, was ehedem völlig normal war, darunter die Vorstellung, dass man Land nicht wie Geld und Gut rechtlich besitzen kann und Ererbtes an künftige Generationen weiterzugeben war. Die Aufklärung hat mit dem gesellschafts- und naturverpflichteten Eigentumsbegriff (im common law Englands oder der Allmende Deutschlands) gründlich aufgeräumt und fortan als verfügbares Eigentum betrachtet, was immer das nur sich selbst verpflichtete Individuum vereinnahmen möchte.

Zu diesen Individuen gehören bekanntlich auch Unternehmen, die seit etwas mehr als einem Jahrhundert – zuerst in den USA und dann weltweit - Rechtspersönlichkeit besitzen und somit wie individuelle Menschen agieren und ihre Freiheitsrechte einklagen können. Das macht den Eigentumserwerb bis hin zur Aneignung von natürlichen Ressourcen – Land, Wasser, Luft - erheblich leichter. Und so konnten sich die vormals noch gezügelten Marktfreiheiten zum grenzenlosen Kapitalismus austoben, der Natur nur noch als einen von mehreren Produktionsfaktoren kennt, deren Kosten unbarmherzig minimiert wurden müssen. Die Natur wurde zu Geld umgemünzt und somit austauschbar. Ganz im Faustischen Sinne hat Geld die Natur überflüssig gemacht, was freilich auch heißt, dass unsere Geldwirtschaft einer völligen Illusion anheimgefallen ist. Den Preis zahlen wir heute in der Ökokrise und mehr noch unsere Enkel und Urenkel, die unsere Generation einst so verdammen werden wie wir es heute mit den Kreuzfahrern des Mittelalters, den deutschen Nazis oder dem westlichen Wirtschaftsimperialismus tun.

Das ganze Ausmaß des zitierten "Wahnsinns der Normalität" offenbart sich vielleicht erst heute in der globalen Finanzkrise. Regierungen wenden alles verfügbare und auch nicht verfügbares Geld auf, um das marode, gesellschafts- und naturzerstörende System der Finanzwirtschaft am Tropf zu halten, selbst wenn dabei ganze Volkswirtschaften privatisiert werden müssen und höhere Arbeitslosigkeit und Armut die logischen Folgen sind. Dieses Geld fehlt umso mehr, als ganz vorrangig die weltweite Armut und der globale Ökokollaps bekämpft werden müssten. Kurz: nie zuvor war Nachhaltigkeit politischer und aktueller als heute, wo so gar nichts mehr zu halten scheint.

In seinem Buch zitiert Grober den Lehrer von Alexander und Wilhelm von Humboldt, Joachim Heinrich Campe, der 1809 im Wörterbuch der deutschen Sprache schreibt: "Nachhalt ist das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält." Und er zitiert aus dem Club-of-Rome Bericht Grenzen des Wachstums: ("Wir suchen nach einem Modell, das nachhaltig (sustainable) ist ohne plötzlichen und unkontrollierbaren Kollaps".), um dann zu folgern, dass Nachhaltigkeit der Gegenbegriff zu "Kollaps" ist. Wenn es also richtig ist, dass wir heute im Zeitalter globaler Zusammenbrüche leben - ökologischer, wirtschaftlicher, finanzieller und sozialer Art -, dann erweist sich Nachhaltigkeit als der Gegenbegriff schlechthin. Er gibt uns einen Anker so ähnlich wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit die Anker unserer modernen Zivilisation geworden sind. Nur mit dem Unterschied, dass diese Grundwerte wenig nützen, wenn wir uns selbst den Teppich der Nachhaltigkeit unter den Füßen wegziehen.

Aus diesem Grunde ist übrigens das vielzitierte Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit (d.h. die Gleichstellung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen) so fundamental falsch. Ökologische, ökonomische und soziale Ressourcen lassen sich nicht gegeneinander aufwiegen. Nachhaltigkeit beschreibt Ökologie als das Fundament, auf denen die Säulen der Gesellschaft und Ökonomie aufbauen können ("starke Nachhaltigkeit"). Ulrich Grober’s Buch zeigt, dass die klügsten Köpfe der deutschen und europäischen Kulturgeschichte dies ganz genauso sahen.

Kurz vor dem Erscheinen des Buches (im März letzten Jahres) schickte mir Herr Grober seinen Buchtext mit dem Hinweis, ich sei - außer der Verlegerin - der erste Leser. Ausgestattet mit diesem Privileg habe ich ihm folgendermaßen geantwortet (20. Februar 2010):

"Ich habe Ihr Buch nun gelesen, nein, Dein Buch, weil ich jetzt weiß, wieviel uns tatsächlich verbindet. Da gehört es sich, das distanzierende Sie künftig wegzulassen.

Also: Du hast ein ganz wunderbares Buch geschrieben. Mit jeder Seite, jeder Zeile ist in mir das Bild der Nachhaltigkeit kompletter geworden. Am Ende habe ich das Gefühl, dass ich überall Vertrautes, nur gelegentlich wirklich Überraschendes und gerade dadurch etwas ganz Neues erfahren habe. Das Nachhaltige war historisch immer das eher Normale, Selbstverständliche und ist wohl gerade wegen seiner Selbstverständlichkeit durch die hereinbrechende Industriekultur und Geldwirtschaft einfach vergessen worden. Daraus folgt aber, dass sich die Beweislast gewissermaßen umkehrt (…) Sollen doch die, die “Wachstum”, dieses ständige Dickerwerden, noch irgendwie für vertretbar oder alternativlos halten, uns darlegen, was daran denn noch gesund sein soll. Nicht die Ökologie, sondern die Ökonomie also trägt die Beweislast. Die Ökologiebewegung hat die Wahrheit auf ihrer Seite so wie die Aufklärungsbewegung zu ihrer Zeit die Wahrheit auf ihrer Seite hatte. Das macht Mut.

In Deinem Buch steckt viel Kraft. Immer vorausgesetzt, dass das geschriebene oder gesprochene Wort überhaupt noch etwas gilt, lässt sich mit gutem, beharrlichem Erzählen der Geschichte (= "Geschichtenerzählen") doch sehr viel bewirken. Dein Buch spricht alle an, die noch Hinhören können. Vielleicht sind das nicht mehr so viele, wie wir uns das als Autoren immer so vorstellen, eher wohl die besonnenen, offenen, lebendig gebliebenen Zeitgenossen, aber die sprichst Du total an. Deine Sprache ist klar, behutsam, zuweilen tastend, auch vereinfachend, kurz: genauso wie es sich für einen hervorragenden Journalisten alter Schule gehört. Ich denke wirklich, Dir ist ein großer Wurf gelungen."


Ich vermute sehr stark, dass sich hier im Saal viele besonnene, offene, lebendig gebliebene Menschen versammelt haben, die hinhören können, nachdenken und anderen etwas zu sagen haben. Das Institute for Advanced Sustainability Studies ist zudem ein ganz vorzüglicher Ort des Nachdenkens und Vordenkens. Uns allen sollte dieses Buch – und heute dieser Literaturpreis - Mut machen.

Die Vision einer nachhaltigen Gesellschaft ist eben keine realitätsfremde Utopie, sondern im Gegenteil nur Fortsetzung dessen, was außereuropäische, indigene Kulturen vorgelebt und die besten Köpfe unserer eigenen europäischen Kultur vorgedacht haben. Im Einklang mit der Natur zu leben können, gehört ganz sicher zum Erbe der Menschheit. Ein plattes Zurück-zur-Natur kann damit natürlich nicht gemeint sein, wohl aber ein Rückbesinnen auf das, "woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält".

Wir müssen die Ökonomie der Ökologie folgen lassen und nicht umgekehrt. "Ökonomie" (Nomos) meint die Vermessung und Ausstattung des Hauses, "Ökologie" (Logos) ist das Haus selbst, die Idee und Vorstellung von dem Haus, in dem es sich leben lässt. Erst kommt die Idee und das Fundament und dann erst der eigentliche Bau, sonst würden wir auf Sand bauen. Der Blödsinn unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist, dass sie auf Sand gebaut ist. Und wirklicher Wahnsinn ist es, wenn wir das auch noch für normal und alternativlos halten.

Grober’s Buch erinnert uns daran, dass unsere Vorväter und -mütter viel schlauer waren als die heutige Generation der Produzenten und Konsumenten, die glaubt, Nachhaltigkeit von der Pieke auf lernen zu müssen. Wir müssen nicht, wie z.B. die vielen mutmachenden Beispiele von Ökosiedlungen, Energiewerkstätten und nachhaltigen Lebensgemeinschaften zeigen. Auch darüber hat Ulrich Grober übrigens ein lehrreiches Buch geschrieben ("Ausstieg in die Zukunft").

Was uns noch fehlt ist die Gewissheit, dass unsere gewählten Volksvertreter willens und in der Lage sind, das Ruder nun endlich herumzuwerfen. Mit diesem Buch und der heutigen Preisverleihung ist die Hoffnung darauf ein klein wenig größer geworden.

Dir, lieber Freund, sei Bewunderung und Anerkennung gezollt für das Kunststück, eine große Wahrheit gelassen und noch dazu auf höchst unterhaltsame Weise auszusprechen.

Ich könnte mir keinen würdigeren Träger des Brandenburgischen Literaturpreises Umwelt denken.

Vielen Dank.

Letzte Aktualisierung: 12.07.2011

Vergabe des Brandenburgischen Literaturpreises Umwelt


Ulrich Grober mit Laudator

Brandenburger Literaturpreis 2010, Laudator Prof. Klaus Bosselmann [links] und Preisträger Ulrich Grober [rechts] (Foto: MUGV, Achim Wersin)Brandenburger Literaturpreis 2010, Laudator Prof. Klaus Bosselmann [links] und Preisträger Ulrich Grober [rechts] (Foto: MUGV, Achim Wersin) © MUGV, Achim Wersin,

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